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Es ist ein seltsames Zeitalter. Wer angegriffen wird, soll sich erklären. Wer sich verteidigt, soll sich entschuldigen. Es ist, als müsste ein brennendes Haus erst die Zustimmung der Nachbarn einholen, bevor die Feuerwehr löschen darf. Und wer unter Raketen lebt, soll sich ausgerechnet von denen belehren lassen, die noch nie in einen Schutzraum rennen mussten.

Personen suchen Schutz
Israelis suchen am Straßenrand Schutz, während eine Sirene vor ballistischen Raketen warnt. (Foto: Yossi Aloni/Flash90)

Doch unsere Verantwortung gilt nicht dem Beifall der Welt, sondern dem Schutz unseres Volkes. Denn wer unter Beschuss lebt, braucht Schutz, keine Erlaubnis.

 

Wer entscheidet, ob wir uns schützen dürfen?

Oft werde ich gefragt, warum Israel sich so entschlossen verteidigt und dabei nicht auf das internationale Stimmungsbild achtet. Meine Antwort ist meist eine Gegenfrage: Wer von den Kritikern musste je mitten in der Nacht seine Kinder aus dem Bett holen, weil die Sirenen heulten? Wer musste je erleben, wie Terror in das eigene Zuhause eindringt und Familien auseinanderreißt? Wer kennt die Angst, nicht zu wissen, ob die eigenen Kinder am nächsten Morgen noch sicher sein werden?

Aus sicherer Entfernung lässt sich leicht über das richtige Maß der Verteidigung urteilen. Unter Raketenbeschuss sieht die Wirklichkeit anders aus. Zwischen diesen beiden Perspektiven liegt eine Erfahrung, die sich mit Worten kaum überbrücken lässt. Und deshalb richtet sich meine nächste Frage an Europa:

Kaum ein Tag vergeht ohne einen neuen Vorwurf, eine neue Belehrung oder eine neue Resolution. Man gesteht Israel das Recht auf Selbstverteidigung zu. Doch schon im nächsten Satz will man uns erklären, wann, wo und wie wir dieses Recht ausüben dürfen. Man schreibt uns vor, auf welchem Wüstenhügel wir unsere Häuser bauen dürfen und wo die Grenze unserer Verteidigung zu liegen hat.

Wie aktuell dieser Satz ist, zeigte sich erst im Mai 2026 in der Tagesschau. Deutschland und drei weitere europäische Staaten forderten Israel auf, die Bauprojekte im E1-Gebiet östlich von Jerusalem nicht weiterzuführen. Sie warnten sogar Unternehmen davor, sich an den Ausschreibungen zu beteiligen, und verwiesen auf mögliche rechtliche und rufschädigende Folgen.

Blick auf den Wüstenhügel des geplanten E1-Projekts zwischen Jerusalem und Ma’ale Adumim, Judäische Wüste. (Foto: Yonatan Sindel/Flash90)

Man mag die rechtliche Bewertung dieses Gebietes teilen oder ihr widersprechen. Doch die Botschaft an Israel war unmissverständlich: Hier dürft ihr bauen, dort nicht.
Wie würden diese vier europäischen Länder reagieren, wenn Israel deren Bauunternehmen von einem Wohnungsprojekt in ihrer Region abriete und sie vor rechtlichen und wirtschaftlichen Folgen warnte? Würden diese Länder dies als freundschaftlichen Rat verstehen oder als Einmischung in ihre eigenen Angelegenheiten?

Diese Urteile fallen aus sicheren Sitzungssälen, in denen keine Sirene heult und niemand seine Kinder in einen Schutzraum bringen muss. Ausgerechnet dort, wo man mit großer Leidenschaft über fest verbundene Flaschendeckel debattiert, glaubt man, Israel Lektionen über Krieg, Terror und Überleben erteilen zu können.

 

Diese Anmaßung ist schwer zu ertragen. Denn sie kommt häufig von Menschen, die unsere Wirklichkeit nicht kennen. Wir Israelis würden uns davor hüten, den Europäern vorzuschreiben, wann und wie sie ihre Bevölkerung schützen dürfen, welche Entscheidungen sie über ihr eigenes Land treffen sollen und wo sie ihre Häuser bauen dürfen. Es stünde uns nicht zu. Es wäre anmaßend. Umgekehrt aber geschieht genau das, Tag für Tag.

Jeder hat das Recht, Israel zu kritisieren. Doch Kritik wird zur Anmaßung, wenn Menschen, die selbst nicht unter ständigem Beschuss leben, einem existenzbedrohten Volk diktieren wollen, wie viel Schutz ihm zusteht. Ebenso unerträglich ist es, ein Volk, das am 7. Oktober das schwerste Massaker an Juden seit der Shoah erlebt hat, pauschal des Völkermords zu beschuldigen.

Besonders unverständlich ist, dass uns diese Anmaßung auch in christlichen Kreisen begegnet. Manche Christen lesen die Bibel, berufen sich auf die Propheten und erklären anschließend dem jüdischen Volk, wie es in seinem eigenen Land leben und sich verteidigen darf. Solidarität mit Israel bedeutet nicht, jede Entscheidung einer Regierung gutzuheißen. Sie bedeutet aber, zuerst zuzuhören, die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst zu nehmen und sich mit vorschnellen moralischen Urteilen zurückzuhalten. Wer an der Seite Israels stehen möchte, sollte nicht zusammen mit der Welt aus sicherer Entfernung über Israel richten.

 

Stellen wir die Situation einmal auf den Kopf:

Wie würden zum Beispiel die Deutschen reagieren, wenn ihr Land von Russland angegriffen würde und Israel ihnen großzügig erklärte, Deutschland habe grundsätzlich ein Recht auf Selbstverteidigung? Wenn anschließend jedoch die Knesset bestimmen wollte, mit welchen Mitteln, gegen welche Ziele und wie lange Deutschland sich verteidigen dürfe?

Und wie würde man in Deutschland reagieren, wenn israelische Politiker deutschen Städten vorschreiben wollten, wo neue Wohnviertel gebaut werden dürfen und wo nicht? Man würde es zu Recht als unerträgliche Einmischung und Anmaßung zurückweisen. Warum also gilt als selbstverständlich, was man Israel gegenüber täglich tut, aber niemals akzeptieren würde, wenn Israel es mit Deutschland täte?

 

Gerade Deutschland sollte in dieser Frage besondere Demut und Zurückhaltung zeigen. Die heutige Generation trägt keine persönliche Schuld für die Verbrechen der Vergangenheit, doch aus Geschichte erwächst Verantwortung. Ein Land, das dem jüdischen Volk einst das elementarste Recht auf Leben absprach, sollte sich heute nicht anmaßen, dem jüdischen Staat vorzuschreiben, wie er jüdisches Leben zu schützen hat.
Deutschland darf Israel kritische Fragen stellen. Aber seine Geschichte sollte es zum Ersten machen, der zuhört, und zum Letzten, der das jüdische Volk belehrt.

 

Was sagt die Schrift über das Bewahren des Lebens?

Das Recht, Leben zu schützen, ist kein moderner Verzweiflungsakt. Bereits das Gesetz Gottes erkennt die Notwehr an: „Wird ein Dieb beim Einbruch ertappt und so geschlagen, dass er stirbt, so entsteht dadurch keine Blutschuld“ (2. Mose 22,1).

Auch Nehemia wusste, dass Vertrauen auf Gott und verantwortliches Handeln einander nicht widersprechen. Als die Mauer Jerusalems unter den Drohungen der Feinde wiederaufgebaut wurde, stellte er das Volk „mit Schwertern, Spießen und Bogen“ auf (Nehemia 4,7). Die einen bauten, die anderen hielten Wache. Gebet ersetzte nicht den Schutz, und der Schutz ersetzte nicht das Vertrauen auf Gott.

 

Zwischen Kritik und Verantwortung

Natürlich darf Verteidigung niemals zum Vorwand für Unrecht werden. Wer die Gebote Gottes ernst nimmt, trägt auch im Krieg Verantwortung für jeden Schritt. Es gibt aufrichtige Fragen, die gestellt werden dürfen und gestellt werden müssen. Doch es besteht ein Unterschied zwischen ehrlicher Kritik und moralischer Bevormundung. Die eine sucht nach Wahrheit und Verantwortung. Die andere verlangt von einem bedrohten Volk, sich fortwährend für sein Überleben zu rechtfertigen.

Wir hören sie alle: die Nachrichtensprecher, die Kommentatoren und die Empörten in den sozialen Netzwerken. Doch am Ende bleibt eine entscheidende Frage: Wer trägt die Verantwortung für das Leben der Menschen, die von Feinden bedroht werden? Nicht der Kritiker im sicheren Studio, sondern diejenigen, denen der Schutz dieser Menschen anvertraut ist.

 

Fazit

Zustimmung ist ein schönes Wort. Doch sie war noch nie die Voraussetzung für das Überleben. Ein Volk bittet nicht um Erlaubnis zu existieren. Israel verteidigt sich nicht, um recht zu behalten, sondern um auch morgen noch da zu sein, wenn die Sonne wieder aufgeht.

Wir verteidigen unser Volk, nicht unser Ansehen bei unseren Kritikern. Denn wer unter Beschuss lebt, braucht Schutz, keine Erlaubnis.

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